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Auf die Verwendung von Röntgenbildern kam Pat Binder durch Zufall. Nach dem Studium der Malerei unterrichtete sie zunächst Kunsterziehung. Das war zum Überleben nötig und gab Zeit für eine Distanzierung von den Kriterien ihrer eigenen künstlerischen Ausbildung, die sie noch während der Militärdiktatur absolvierte. Es erschien ihr unfaßbar, wie man sich jahrelang abgehoben von der Realität nur mit Problemen des Pinselstrichs, der Komposition und der Farben beschäftigen konnte, während im Lande gemordet wurde und Nachbarn für immer verschwanden. Eine derart isolierte Welt der Malerei hinterließ das erschreckende Gefühl einer unglaublichen Ignoranz. Weil sie von daher den malerischen Mitteln mißtraute, suchte sie nach anderen, eindringlicheren Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen das Geschehene direkter zu fassen wäre. Damit schwamm sie gegen den »mainstream«, denn um die Mitte der achtziger Jahre war in der internationalen Kunstszene, und auch in Argentinien, gerade der »Hunger nach Bildern« angesagt.

Als im Unterricht die Monotypie geübt wurde, fanden Schüler und Lehrerin in der glatten Fläche von Röntgenaufnahmen einen billigen Ersatz für die normalerweise als Druckunterlage verwendeten Metallplatten. Bald schon wurde Pat Binder die formale Intensität der lichtdurchlässigen Schwarzweißbilder vom verborgenen Inneren des Menschen bewußt. Das Knochengerüst durchleuchteter Körper erlangte für sie die Bedeutung eines existentiellen Zeichens von weitreichender Symbolik. Je nach dem Kontext, in den sie es durch die Kombination mit anderen Elementen in ihren Assemblagen stellte, variieren die Assoziationsmöglichkeiten innerhalb eines relativ begrenzten Spektrums. Zumeist geht es um die gemarterte Kreatur, das Aufscheinen transparenter Körper aus einem Nichts, in dem sie spurlos verschwanden, um ein Gefangensein oder ein beziehungsreiches, makabres Spiel mit einzelnen Extremitäten als Fortsatz fragiler Konstruktionen. Unscharfe Projektionen einzelner Bilder auf die dahinterliegende Wand steigern die Dramatik und lassen eine überhöhte, immaterielle Ebene aus Licht und Schatten entstehen. Immer wieder reflektiert sie in meditativen Objekten die eigene Befindlichkeit.

Aus: Gerhard Haupt, Resistance-images
In: Pat Binder: Zapping. Institut für Auslandsbeziehungen, Berlin 1996
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